Deutsch-senegalesische Bildungswoche in Frankfurt
Frankfurt am Main wurde im Juni 2026 für eine Woche zum Ort eines besonderen pädagogischen Austauschs: Lehrkräfte, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und dem Senegal kamen zusammen, um sich jenseits von Klassenzimmern, Lehrplänen und nationalen Perspektiven kennenzulernen. Die deutsch-senegalesische Bildungswoche, organisiert von der Fachdidaktik Französisch der Goethe-Universität und der Vereinigung der Französischlehrerinnen und -lehrer Hessen (VdF), zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial für eine zeitgemäße Bildung in internationalem Austausch liegt.


Seit 2023 reisen Studierende der Goethe-Universität regelmäßig in den Senegal, um dort Schulpraktika zu absolvieren. Der Gegenbesuch im Juni markierte nun einen wichtigen Meilenstein. Fünf Lehrkräfte der Partnerschule CEM Keur Baka aus dem Zentrum des Landes waren erstmals in Frankfurt zu Gast. Während ihres Aufenthalts besuchten sie verschiedene Schulen, nahmen an universitären Veranstaltungen teil und tauschten sich intensiv mit deutschen Kolleginnen und Kollegen aus. Der Fokus lag dabei nicht allein auf Unterrichtspraxis, sondern auf grundlegenden Fragen: Wie kann Schule globaler und demokratischer werden? Wie lässt sich Unterricht dekolonial und rassismuskritisch gestalten? Und welche Rolle spielt Sprache in einer globalisierten Welt?
Die Bildungswoche verband dabei unterschiedliche Ebenen: schulische Praxis, universitäre Lehrerbildung und gesellschaftlichen Dialog. Besonders sichtbar wurde dies am zentralen Veranstaltungstag, dem 18. Juni. Am Vormittag versammelten sich rund 200 Teilnehmende in der Aula der Frankfurter Liebigschule – darunter Schulklassen, Studierende, Lehrkräfte sowie Mitglieder der senegalesischen Diaspora. Das dort stattfindende deutsch-senegalesische Schulfest war mehr als eine Präsentation von Projektergebnissen: Es wurde zu einem Raum gelebter Begegnung.
Das Programm war vielfältig und wurde maßgeblich von den Beteiligten selbst gestaltet. Die Französisch-Studierenden des Didaktik-Seminars von Dozent Leo Stotz hatten die verschiedenen Stationen der Veranstaltung im Vorfeld organisiert und geplant. Schülerinnen und Schüler präsentierten Videobeiträge mit ihrem Schulalltag in Deutschland und dem Senegal; Studierende berichteten von ihren Praktika, und künstlerische Beiträge von Musik bis Tanz machten die kulturelle Dimension des Austauschs erfahrbar. Besonders eindrücklich war die Einbindung des senegalesischen Musikers Khadim Seck sowie eines Wolof-Sprachkurses von Lakhat Diaw, der den Teilnehmenden einen direkten Zugang zu einer zentralen Alltagssprache des Senegal eröffnete. Sprache wurde hier nicht nur als Unterrichtsgegenstand verstanden, sondern als Schlüssel zu kulturellem Verständnis. Auch kulinarische Angebote spielten eine Rolle: Senegalesische Speisen luden zum Probieren ein und boten Anlass für Gespräche über Alltag, Traditionen und Gemeinsamkeiten.


Am Abend verlagerte sich der Fokus auf den wissenschaftlichen Diskurs. Auf dem Campus Westend der Goethe-Universität kamen Forschende und Praktikerinnen und Praktiker aus Deutschland und dem Senegal zusammen, um über Bildungsperspektiven zu diskutieren. Vorträge und Erfahrungsberichte machten deutlich, dass der Austausch nicht als Einbahnstraße gedacht ist, sondern als dialogischer Prozess. Insbesondere die Stimmen der senegalesischen Lehrkräfte eröffneten neue Perspektiven.
Das Projekt ist Teil der gelungenen Kooperation der VdF Hessen mit der Französischdidaktik an der Goethe-Universität. Seit mehreren Jahren verfolgt diese das Ziel, den Französischunterricht stärker an gesellschaftlichen Fragen auszurichten. Dabei geht es um mehr als Sprachvermittlung: Französisch wird als Zugang zu globalen Diskursen verstanden, insbesondere zu Fragen von Kolonialgeschichte, Machtverhältnissen und kultureller Vielfalt. Projekte mit Persönlichkeiten wie Lilian Thuram oder Daniel Maximin haben diese Ausrichtung bereits sichtbar gemacht. Die senegalesische Bildungswoche führt sie konsequent weiter.
Für die beteiligten Schülerinnen und Schüler hatte der Austausch eine unmittelbare Wirkung. Viele berichteten davon, dass sie erstmals ein konkretes Bild vom Leben in einem westafrikanischen Land jenseits stereotyper Vorstellungen gewinnen konnten. Gleichzeitig wurden eigene Lebensrealitäten hinterfragt: Was bedeutet Schule in unterschiedlichen Kontexten? Welche Privilegien werden oft als selbstverständlich angesehen? Und wie lassen sich globale Zusammenhänge im eigenen Alltag erkennen?
Diese Erfahrungen gehen über den klassischen Kompetenzerwerb hinaus. Zwar profitieren die Lernenden auch sprachlich, doch im Zentrum stehen soziale und interkulturelle Kompetenzen. Empathie, Perspektivwechsel und die Fähigkeit zum kritischen Denken werden hier nicht abstrakt vermittelt, sondern konkret erlebt.
Die deutsch-senegalesische Bildungswoche zeigt damit exemplarisch, wie Schule im 21. Jahrhundert aussehen kann: vernetzt, reflexiv und offen für vielfältige Perspektiven. Sie macht deutlich, dass Bildung nicht an nationale Grenzen gebunden ist, sondern im Dialog entsteht. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Polarisierung und globale Krisen zunehmen, gewinnen solche Projekte an Bedeutung.
Leo Stotz



